Die Jagd nach dem Dampf

Rund 200 fahrbereite Dampflokomotiven sind allein in Deutschland noch bei Touristen- und Museumsbahnen im Einsatz. Dass die gewohnten Regeln der Bildgestaltung in der Eisenbahnfotografie ebenso funktionieren, diese dabei aber besondere Ansprüche hat, zeigt der Eisenbahnfotograf Olaf Haensch in unserem Workshop.

Eigentlich sind die aufgeplusterten Gebilde aus Milliarden Wassertröpfchen die Ziele meiner fotografischen Ambitionen. Von Dampflokomotiven erzeugt und bei kaltem Wetter oder hoher Luftfeuchtigkeit über den Schienensträngen kondensiert, erscheinen die prächtigen weißen oder grau melierten Dampfwolken je nach Lichteinfall, Witterung, Anstrengung der Maschine und Tätigkeit des Heizers immer anders. Der Dampf fasziniert und ist in dieser unvorhersehbar wechselhaften Erscheinung Grund genug, die nostalgischen Ungetüme fotografisch einzufangen. Als anachronistische Technik üben Dampflokomotiven mit ihren vielen Speichenrädern, dem komplizierten Gestänge und dem gewaltigen Kessel ohnehin eine erhebliche Faszination auf Groß und Klein aus.

Bis heute sind die fauchenden Ungetüme noch vielerorts zu beobachten. Es mag verwundern, dass im weltweiten Vergleich der fahrplanmäßigen Dampfzugleistungen seit einiger Zeit ausgerechnet Deutschland die Spitzenposition inne hat. Nicht im normalen Zugverkehr der Deutschen Bahn, versteht sich. Vielmehr sind es vor allem die mit Dampflokomotiven betriebenen Touristenbahnen zwischen Ostsee und Erzgebirge, welche diese Spitzenleistung erbringen. Gut 600.000 Fahrgäste werden pro Jahr allein auf der meterspurigen Brockenbahn gezählt, welche damit hierzulande statistisch zu den beliebtesten Touristenattraktionen zählt. Bei Dampflokfotografen steht diese bis auf 1125 Meter über dem Meeresspiegel ansteigende Strecke ebenfalls hoch im Kurs, besonders im Winter. Da der Harz nicht weit von meinem Elternhaus liegt und mir seit der Kindheit vertraut ist, überrascht es sicher nicht, dass er für mich einen fotografischen Schwerpunkt darstellt.

Natürlich ist die moderne Bahn bei vielen Eisenbahnfotografen ebenso beliebt. Die Vielfalt der Fahrzeuge war nie größer und bietet reichlich Motive. Auch das Treiben auf Großstadtbahnhöfen ist ein fotografischer Anziehungspunkt. Mit der Bahnreform veränderte sich jedoch das Erscheinungsbild der Eisenbahn im letzten Vierteljahrhundert aus meiner Sicht insgesamt zum Negativen. Selbstverständlich richtet die Deutsche Bahn ihr Handeln nicht nach den Idealen von Eisenbahnfotografen, doch sind etwa verwaiste Bahnhöfe, auf denen winzige Wartehäuschen einst stolze und heute zu Ruinen verfallene Empfangsgebäude ersetzen, tendenziell unattraktiv. Eisenbahnfotografen sind gewissermaßen zur Ausblendfotografie gezwungen, wollen sie sich nicht bewusst mit einer solchen Endzeitstimmung befassen – für mich ist das ein weiterer Grund, meine fotografische Aufmerksamkeit Dampfzügen zu widmen.

Eisenbahnfotografie mit künstlerischem Anspruch war in Deutschland lange die Ausnahme. Bis in die 1960er Jahre orientierten sich die wenigen Eisenbahnfotografen oft an selbst auferlegten Regeln der Bildgestaltung. Mit der vermehrten Ablösung der Dampflokomotiven in den 1970ern wurde die Eisenbahnfotografie zwar zum Massenphänomen, doch blieb die reine Dokumentation oftmals das einzige Ziel. Dabei verführt gerade jene Maschine, in deren Bauch das Urelement Wasser das des Feuers umschließt und die auf Bildern wie keine andere Kraft und Bewegung auszudrücken vermag, zur kreativen Abbildung. Doch nur wenigen ist das gelungen, zu viele strebten nach den scheinbar idealen Perspektiven vielzitierter Vorbilder wie Carl Bellingrodt. Er hatte im 20. Jahrhundert die hiesige Eisenbahnfotografie wie kein anderer geprägt.

Aus Bellingrodts Bildern spricht gleichwohl auch der Finanzbeamte alter Schule, welcher er im Berufsleben war. Akribisch fertigte er technisch hochwertige Typenbilder – zweifellos eine bedeutende Dokumentation – und ähnlich genormt erscheinen viele seiner Landschaftbilder: schräg von vorn, die Sonne im Rücken, leicht erhöhter Standpunkt. Bellingrodts ästhetische, jedoch wenig kreative Bildgestaltung wird bis heute von vielen deutschen Eisenbahnfotografen nachgeahmt. Dabei bietet die Eisenbahn ein ungeahntes, weit darüber hinausgehendes fotografisches Potential: Strenge Geometrien und Kontraste, klar abgegrenzte Farben oder Lichtreflexe auf Stahl und Glas provozieren geradezu das kreative Spiel mit der Kamera und machen nicht nur für mich den besonderen Reiz dieses Genres aus.

Eine relativ dichte Zugfolge und spektakuläres Winterwetter ermöglichen am Brocken faszinierende Fotos – vorausgesetzt, man hat ein wenig Glück und trifft die richtigen Entscheidungen. Um die prächtige Dampfwolken nicht zu beschneiden, musste ich für diese Aufnahme innerhalb von Sekunden zwischen Hoch- und Querformat wählen. Der optimale, nicht zu späte Auslösemoment war eine weitere Herausforderung. Canon EOS 5D II 55 mm ISO 100 f/7.1 1/640 s -0.3 eV

Eine relativ dichte Zugfolge und spektakuläres Winterwetter ermöglichen am Brocken faszinierende Fotos – vorausgesetzt, man hat ein wenig Glück und trifft die richtigen Entscheidungen. Um die prächtige Dampfwolken nicht zu beschneiden, musste ich für diese Aufnahme innerhalb von Sekunden zwischen Hoch- und Querformat wählen. Der optimale, nicht zu späte Auslösemoment war eine weitere Herausforderung. Canon EOS 5D II | 55 mm | ISO 100 | f/7.1 | 1/640 s | -0.3 eV

(Olaf Haensch) /

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c’t Fotografie 4/2018

Available Light – Bessere Porträts mit natürlichem Licht… Die weiteren Themen: DSGVO: Das Ende der Fotografie?, Zeitraffer-Aufnahmen: Von der Auslösung bis zum fertigen Film, Spiegellose für Ein- und Aufsteiger: Canon EOS M50 gegen Fujifilm X-T20, Stativ-Materialien im Vergleich: Vor- und Nachteile von Holz, Aluminium und Karbon, GIMP 2.0: Das bringt die neue Version der Open-Source-Bildbearbeitung, Manuell Scharfstellen: Wann der Verzicht auf den Autofokus lohnt.

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