Kommentar: Von handelnden Herstellern – der Fotografie-Monatsrückblick

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Einmal im Monat lässt unser Autor Andreas Kesberger die Foto-Nachrichten der vergangenen Wochen Revue passieren. Dieses Mal: Firmen, denen offenbar die eigenen Produkte zu teuer sind.

Heute holen wir mal das Nähkästchen raus. Es wäre ja schön, aber entspricht leider nicht ganz der Realität, dass man mit einer c’t-Kolumne im Monat[1] auch schon den Unterhalt desselben bestreiten kann. Also muss man sonst noch was machen, um Geld zu verdienen. Zum Beispiel Stative[2] verkaufen. Macht auch Spaß. Im Digitalzeitalter bleiben Stative ja meist länger im Einsatz als die Kameras obendrauf. Umso wichtiger, sie vorher ausprobieren zu können.

Ob das 300er jetzt noch ruckelt nach dem Feststellen oder nicht. So Praxiskram. Dafür gibt es ihn noch, den guten alten Fachhandel. Manchmal stehen da sogar Stative. Und dafür unterstützen die Hersteller auch den Fachhandel, sagen sie. Erst mal aber wollen sie dem Handel auch nur Stative verkaufen. Manchmal sind die Einkaufspreise des Handels sogar niedriger als die Verkaufspreise bei Amazon. Was für ein Gejammer.

Wilkommen in der Marktwirtschaft

Um die Preise halbwegs auskömmlich zu machen, gibt es Verträge. Da schreibt man manchmal auch rein, wie hoch die Preise sein sollen. Natürlich nie so, dass die EU-Wettbewerbskomissarin rote Ohren bekommt. Dafür gibt es Juristen, die sich sowas ausdenken. Und entsprechend bezahlt werden. Und das bestimmt besser, als die Leute, die Stative verkaufen. Wenn man so einen Vertrag liest, dann könnte man meinen, dass es eine gute Idee ist, die Stative etwa 10 Prozent günstiger unter der Preisempfehlung des Herstellers zu verkaufen. Wenn man nicht unter der UVP liegt, dann verkauft man halt nix. Und wenn man weiter runter geht, dann verdient man halt nix. Und bekommt nächstes Jahr keinen Vertrag mehr.

Die Welt ist wie sie ist und irgendwie funktioniert sie auch so. Denke ich Sonntag nach dem Tatort. Da will ich noch schnell ein paar Daten von einem Stativ für eine Kundenanfrage nachschlagen. Auf der Herstellerwebseite geht das am schnellsten. Weil die Traditions-Hersteller immer wieder mit traurigen Augen auf der Photokina[3] hören, dass der Kunde ihre Stative gar nicht mehr bekommt bei sich in Dingsdabumsda, weil da gibt es ja eh nix mehr und überhaupt, genau darum haben sie auch ihren eigenen Webshop. So ist die Versorgungslage gesichert. Und die Händlermarge hat man sich auch noch gespart. Wenn der Kunde die volle Preisempfehlung zahlt, ist er irgendwie auch selbst schuld. Also gucke ich auf die 13 Stative einer kompletten Reihe im Shop. Da stehen zwölf davon mit Rabatt mit Netz. Häh? Meistens mit 15 Prozent, auch mal mit 20. Hat wohl keinen Vertrag mit sich selbst, der Hersteller.

Da freut sich der Kunde und der Händler wundert sich. Nächstes Jahr wundert sich dann der Kunde, dass keine Stative mehr beim Händler stehen. In der Branche erzählt man sich dieser Tage auch von Vermietern, die bestimmte schwedische Marken vollständig aus ihrem Sortiment entfernt haben, weil die Schweden einen eigenen Verleihservice aufgebaut haben. Manchmal ist Multi Channel kompletter Blödsinn, wenn die einen den Kanal voll haben, weil die anderen den Hals nicht voll kriegen.

Ist das Firlefanz, oder kann das weg?

Andreas KesbergerSchon ein Jahr ist die Olympus E-M1 Mark II alt – gute Fotos macht sie immer noch. (Bild: Andreas Kesberger)

Dann doch lieber einfach nur fotografieren. Schluss mit dem Gejammer. Ohne Stativ. Aus Protest. High-ISO. Bei Stativen halten sich die Innovationszyklen in Grenzen. Bei Kameras geht das schneller. Wenn es einem zu schnell geht, dann behauptet der gemeine Fotograf gern, dass man das alles eh nicht braucht. Von wegen mehr denken vor dem Fotografieren und so. Ich geb’s zu, dass die Olympus E-M1 Mark II[4] so eine Kamera ist, von der ich immer gern gesagt habe, dass ich – bis auf den Phasen-AF – das meiste nicht brauche was sie kann. Von wegen “60 Bilder pro Sekunde braucht kein Mensch”.

Am Sonntag habe ich mit ihr dann während eines Interviews ein paar Porträts für das Kirchenblättchen gemacht. Und ich nehm’ alles zurück. Ich hab’ den ganzen Firlefanz genutzt. Mea culpa. Den lautlosen elektronischen Verschluss, der das Gespräch nicht gestört hat, den was-weiß-ich-wie-viele-Achsen Bildstabilisator, das Klappdisplay im Hochformat, die Augensteuerung für den Autofokus, die 1,2er-Offenblende und am allermeisten diesen endlos-Puffer, der mich immer weiter hat fotografieren lassen. Kann man doch gebrauchen den ganzen modernen Kram (wenn man danach genug Zeit zum Bilderaussuchen hat). Ganz nebenbei ist die Kamera auch schon über ein Jahr auf dem Markt. Hmh, die Kamerahersteller haben auch oft eigene Webshops. Nur keine 20 Prozent Rabatt. Eigentlich schade. (Andreas Kesberger) /


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[3] https://www.heise.de/meldung/Photokina-ab-2018-jaehrlich-3723868.html
[4] https://www.heise.de/foto/artikel/Sprinterin-mit-Profi-Ambitionen-Olympus-OM-D-E-M1-II-3736995.html
[5] mailto:msi@heise.de

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